Wer kennt sie nicht. Aussagen wie „Nur die echte Hardware gibt das richtige Feeling“, „Emulation ist Mist, weil nicht originalgetreu“ oder „Was, du benutzt Emulatoren, ungläubiger?“. Natürlich ist das Spielen per Emulator nicht ganz das Gleiche, aber will man dies überhaupt? Nein, wirklich – will man das ernsthaft? Dass das Spielen auf Originalhardware nicht nur Vorteile bietet, liegt auf der Hand. Dies bezieht sich besonders auf die Ladezeiten von C64 und Co, die es schon mal in sich haben können. Aber auch auf die Bildqualität kann bei emulierten Spielen besser sein – besonders auf einem modernen Fernseher.

Gaming gefühlsecht

Ich kann hier natürlich nur für mich selbst sprechen, jedoch wird es vielleicht den ein oder anderen Retro-Fan geben, der diese Meinung mit mir teilt. Ob Ich diese Nachteile in Kauf nehme oder vielleicht sogar will, hängt in erster Linie vom Bezug an, den ich zum entsprechenden System habe. Nehmen wir als Beispiel den guten, alten Commodore64. Es dürfte dem geneigten Leser vielleicht bekannt sein, dass ich zu diesem System eine besondere Beziehung habe. Hierfür nehme ich die langen Ladezeiten nicht nur in Kauf, sondern ich will sie sogar haben! Das Eintippen der Befehle, das Rattern des Floppylaufwerks und das Warten auf das Ready-Prompt nach Eingabe des Ladebefehls sind für mich Zutaten des Rezeptes für das Retro-Feeling. Verfeinert wird dies mit der verwaschenen Bildausgabe und vor Allem durch das Ertönen des Sounds. Kein emulierter Sound, sondern SID-Sounds, Baby!

Emulation oder Original. was ist besser?
Emulation oder Original. was ist besser?

Die Causa Commodore

Ich dachte immer, dass eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt werden müssen, damit das nostalgische Retro-Feeling einsetzt – unter Anderem Originalhardware (Dieses Thema wurde schon auf videospielgeschichten.de diskutiert). Wie ich allerdings feststellen musste, ist Originalhardware ein recht dehnbarer Begriff.

Kürzlich aktivierte ich einen erstandenen Commodore 128D mittels selbstgebasteltem RGB Kabel auf einem 65 Zoll LCD TV. Die Hardware hatte ich vorher nie, der TV ist (offensichtlich) auch nicht authentisch, die Floppy im Laufwerk eine schlechte Ghostbusters-Version und zum Spielen benutzte ich ein Sega Gamepad. Sollte somit weit davon entfernt sein, irgendwelche nostalgischen Gefühle zu wecken. Zumindest dachte ich dies, denn schon alleine das Geräusch beim Hochfahren des Floppylaufwerks ohne angeschlossenen TV verschaffte mir schon ein kleines Lächeln. Als ich das Ding dann an den Fernseher anschloss, in den C64-Modus wechselte und nach dem Laden des ersten Spiels der SID-Sound über die TV Boxen ertönte hielt ich einmal inne. So wirklich inne. Sicherlich ein, zwei Minuten lang starrte ich auf den Fernseher und lauschte dem Ghostbusters Theme.

c128D - Emulation - Fluch oder Segen?
Ein Commodore 128D auf einem 65 Zoll Fernseher. Nicht gerade elegant, aber funktionell.

Welcome to the next Level

Nun könnte man behaupten, dass dies unter Anderem ganz einfach daran liegt, dass ich den Commodore64 damals besaß. Mag schon teilweise stimmen, allerdings war dies nicht mein einziges Gerät und es war auch kein „echter“ C64. Direkt nach dem C64 bekam ich einen Sega Megadrive, mit welchem ich ein paar Jahre verbringen durfte. Heute ist mit jedoch ziemlich egal, ob ich Megadrive Spiele am Megadrive direkt, in irgendwelchen Collections oder via Emulator spiele. Wobei dies nicht ganz stimmt, denn hier steht das Original recht weit hinten in meiner Favoritenliste. Dies hat mehrere Gründe. Hauptgrund ist, dass ich keinen Röhrenfernseher mehr habe und die Bildqualität untragbar ist. Weiters kann ich auf anderen Geräten auch andere Controller verwenden und zu guter Letzt kann ich bei Emulatoren speichern. Ja, ich bin ein Fan von Emulatoren, sofern sie halbwegs einfach zu bedienen sind und das entsprechende System gut emulieren. Und passt einmal die Emulation nicht ganz 100%ig – wem kümmerts? Durch Emulation und durch „Classic Collections“ (Was ja nichts anderes als eine Emulation ist) besteht auch für Nicht-Sammler die Möglichkeit, die Klassiker uneingeschränkt zu spielen. Worin liegt nun der Unterschied zwischen dem C64 und dem Megadrive? Warum diese nostalgischen Gefühle, obwohl es nichtmal ein C64 war und beim Megadrive nicht?

Screenshot 2017 07 04 17 02 16 - Emulation - Fluch oder Segen?
Phantasy Star II ist trotz virtuellem Steuerkreuz und Emulation gut auf Android-Geräten spielbar.

Was jetzt? Emulation oder Original?

Ob man nun vertreten kann, einen Klassiker nicht auf der Originalhardware zu spielen, muss jeder für sich entscheiden. Ich selbst habe überhaupt kein Problem damit. Nur weil der eine sagt, dass System XY nur im Original superdupertoll ist, heisst dies noch lange nicht, dass ein Anderer dies genauso empfindet. Dies hat wie erwähnt extrem viel mit Nostalige zu tun. Die Erfahrung mit dem C128D hat mir gezeigt, dass dafür nicht einmal die gleiche Originalhardware notwendig ist – ein C128D im C64 Modus mit einem C64 Spiel hatte auf mich genau die gleiche Wirkung wie der C64 selbst. Ein Emulator hat dies nicht. Warum? keine Ahnung, da habe ich nur eine Vermutung. Ein Emulator wird an einem neuen Gerät, sei es PC, MAC, Switch,etc., betrieben. Da kann schon mal von der Bedienung des Gerätes keine Nostalgie aufkommen. Beim C128D hingegen habe ich einen alten Computer bedient, mit dem Load Befehl ein Spiel gestartet und die gleichen Laufwerksgeräusche vernommen. Somit kam der C128D dem C64 eben – bis auf das Aussehen – extrem nahe. Trotzdem spiele ich auch gerne emulierte Klassiker, da ich nicht immer die entsprechende Hardware rauskramen und anschließen möchte. Leider kann natürlich nicht alles wunderschön emuliert werden. Ein Fairchild Channel F, ein Virtual Boy oder Mattel Intellivision kann zwar emuliert werden, aber hier verpasst man schon etwas, wenn man nicht die Originalhardware nutzt.

Also doch lieber keine Emulation?

Doch, denn teilweise geht es gar nicht anders! Manche Systeme sind einfach so rar, dass man sie kaum mehr bekommt. Ebenfalls könnte es recht schwierig werden, einen Arcadeautomaten aus den 80ern in funktionstüchtigem Zustand zu einem leistbaren Preis zu ergattern. Gerade Collections bieten hier eine schöne und legale Möglichkeit, Klassiker die noch unter Copyright stehen zu einen günstigen Preis zu erleben. Yesterplay80 hat mich bei seinem Beitrag zur Emulationsdebatte dankenswerterweise zum Beispiel auf die Collection „Atari Vault“ um lächerliche EUR 9,99 aufmerksam gemacht. Ebenfalls gibt es auch noch die neuen „Multikonsolen“ wie beispielsweise das Retron. Dieses Ding könnt ihr mit alten Cartridges und Controllern diverser Konsolen füttern um diese Spiele legal zu spielen. Und zu guter Letzt hört die Emulation bei alten Konsolen ja nicht auf. Stichwort: Dosbox. Ohne Dosbox wären viele PC-Spiele der 90er schlichtweg nicht spielbar, außer man hat noch einen alten Pentium mit MS-DOS irgendwo rumstehen (Mehr zu Dosbox erfahrt ihr auch beim Kollegen Yesterplay80, der kennt sich da besser aus). Solltet ihr nun denken, dass ihr Dosbox eh nicht verwendet, da ihr euch einfach alles über GOG kauft, dürft ihr nun drei mal raten, was GOG bei vielen Spielen verwendet…

Fazit

Was genau wollte ich mit diesem teils wirren Text eigentlich bewirken? Nun ja, ganz einfach gar Nichts. Nada. Nothing. Ich wollte einfach nur meine Gedanken auf den Schirm bringen und meine Meinung zur Emulationsdebatte äußern.

Kurz zusammengefasst kommt man an Emulationen nicht vorbei. Ebenfalls finde ich es gut, dass Klassiker emuliert werden können, da gebe ich der Emulatorenseite vollkommen Recht. Auf der anderen Seite kommt (zumindest bei mir) echtes Retro-Feeling nur bei der Originalhardware auf. Dies kann dem Einen wichtig, dem Anderen komplett egal sein. Im Grunde genommen muss die „Art“ des Spielens einfach nur Erinnerungen, vielleicht auch das Gefühl nochmal Kind zu sein, wecken. Erinnerungen und Gefühle an eine Zeit, in der das schlimmste Problem im Leben ein bestimmter Level eines Spiels war.

Schlagworte ,,,,,,

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4 Kommentare auf "Emulation – Fluch oder Segen?"

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YesterPlay80
Gast
Das ist wohl wirklich von Mensch zu Mensch unterschiedlich, ich z.B. verbinde sehr viele schöne Erinnerungen mit dem Mega Drive, trotzdem bin ich heute froh, gute Emus nutzen zu können. Nicht nur wegen der besseren Grafik, sondern auch weil die von Haus aus Stereo-Sound bieten (ich hatte den MD1, der bot am TV nur Mono), ich einen Controller nutzen kann der tatsächlich gut in meiner Hand liegt (das 6-Button-Pad damals war etwas klein) und weil ich so quasi überall spielen könnte. Aber ich verstehe den Punkt gerade mit den Laufwerksgeräuschen der alten Heimcomputer, obwohl ich selbst nie einen eigenen hatte,… Read more »
YesterPlay80
Gast

Danke für die Verlinkung übrigens! 😉

Dennis
Gast

Ich verbinde nur Probleme mit Emulatoren. Habe sie aber auch mindestens seit 10 Jahren nicht mehr benutzt :D. Ich glaube vom Gameboy bis zum N64 hab ich endlos viele Emulatoren ausprobiert und entweder sie funktionierten nicht einwandfrei oder das Feeling wie an einer richtigen Konsole oder Handheld wollte einfach nicht aufkommen.

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